Age Watch: Die Medienschau

Selbstversuch Urlaub. Digitale Flüchtlinge. Die Deutschen sterben gar nicht aus. Keine Rente mit 67. Alterslose Ärzte.  Und warum Otto Waalkes das Buch „Alte Väter“ kriegt.

Abschalten oder standhalten
Alle schalten ab. Spiegel und Wirtschaftswoche (Titelgeschichten diese Woche), Süddeutsche und eine FTD-Beilage zu „Work Life Balance“ raten den Digital Victims, die sich vor digitalen Fluten und unübersichtlichen Netzwerken fürchten, zur Flucht ins Analoge. Das ist die entschleunigende Rettung vor dem Burnout, das hätte Miriam Meckel doch wissen müssen. Klares Trendthema. „Selbstversuch! Eine Woche offline!“ oder  „Vier Frauen im Selbstversuch – Wie überlebt man eine Woche ohne Handy?“  – das sind doch immer wieder gern geschriebene Stücke in den Lifestyle-Medien. Eine Woche! Ohne Handy! Welch ein Mut, welche Tapferkeit! Selbstversuch und Überleben, das klingt doch nach was. Wir dürfen den furchtlosen Reportern und Reporterinnen zusehen, wie sie sich in Abenteuer und Lebensgefahr begeben: im Biergarten auf der endlosen Suche nach ihren Freunden oder verloren gegangen in der urbanen Hölle ohne Taxiruf, Adressverzeichnis und Google Maps. Recherchieren muss dafür auch niemand. Es reicht ja, sich selbst zu beobachten. Ach ja, ich komme auch gerade aus einem Selbstversuch. Ich nannte es Urlaub. Ich hatte abgeschaltet. Auch diesen Blog. Dafür hatte ich ein paar Leseerlebnisse. Analog, digital, scheißegal.

Flow. Control.

Das ist das Motto des Trendtages am 15. September in Hamburg. Da geht es ums Standhalten in der digitalen Welt, nicht ums Flüchten. Und wie man alles mit allem vereinbaren kann: durch „gelebte Informationslogistik“ (Trendforscher Peter Wippermann). Einer der Keynote-Speaker ist Jimmy Wales.

Ärzte ohne Bock auf Alte

Wen juckt’s, dass wir immer älter werden. Die Unis jedenfalls nicht. Nur sieben der 36 medizinischen Fakultäten in Deutschland haben laut Weißbuch Geriatrie einen Lehrstuhl für die Medizin des Alterns, „obwohl sie als Querschnittsfach im Lehrplan seit 2004 verankert ist“. Diese beunruhigende Zahl hat die FAZ Anfang des Monats in einer Beilage versteckt – sie heißt „Beruf und Chance“. Die Chance, den Beruf des eigenständigen Facharztes für Geriatrie zu ergreifen, gibt es in Deutschland allerdings, anders als etwa in Großbritannien, gar nicht, moniert Dirk van den Heuvel, Geschäftsführer des Bundesverbandes Geriatrie.

Warum die Deutschen gar nicht aussterben. Wahrscheinlich.

Gerd Bosbach ist seine eigene Kontrollinstanz. Sein eigener Watchblog, sozusagen. Er ist Statistiker und Experte für Statistikmissbrauch. In einem bemerkenswert offenen Interview in der August-Ausgabe des Vielfliegermagazins Lufthansa Exclusive (Anmerkung aus Gründen der Transparenz: der Chefredakteur des Magazins, das in einer Auflage von rund 300 000 Exemplaren monatlich verlässlich die Entscheider der Republik erreicht, bin ich) rechnet der Professor von der Fachhochschule Koblenz mit seiner Zunft ab. Es sei erstaunlich, „wenn Demografen uns heute schon die Bevölkerungszahl und die Altersquotienten von Deutschland in 50 Jahren verraten“. Und noch erstaunlicher sei es, wenn Politiker heute schon wüssten, „wie sich die prognostizierten Werte ökonomisch und sozial auswirken werden“. Bosbach erinnert daran, dass das Statistische Bundesamt (bei dem Bosbach auch schon gearbeitet hat) dazu zwölf sehr unterschiedliche Modellvarianten vorgelegt hat, in denen die prognostizierte Zahl der Deutschen im Jahr 2060 zwischen 62 und 77 Millionen schwankt. Schwankender Grund, auf dem Sozial-, Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik gebaut werden. Politik und Öffentlichkeit hätten sich deshalb halt auf die „sogenannte untere mittlere“ geeinigt,  „die pessimistischere der beiden Hauptvarianten“. Schreckensszenarien von einem vergreisten und verarmten Deutschland seien letztlich, sagt Bosbach,  „nicht haltbar“. Auch eine andere Annahme sei falsch: „Die unterstellte Zwangsläufigkeit, ‘weniger Kinder und Jugendliche führen zu Einschränkungen des Lebensstandards und machen Sozialabbau notwendig’, ist auch historisch widerlegt. Wie die Zukunft tatsächlich aussehen wird, hängt in hohem Maße von der Entwicklung der Produktivität ab. Und sie wird nicht so sehr davon bestimmt, wie viele Kinder wir haben, sondern wie wir mit diesen Kindern umgehen.“ Stellt euch vor, es ist Generationenkrieg und keiner geht hin. Wer das Magazin nicht bekommt, kann hier mal reinblättern.

Rentner seilen sich ab

Während die Politik die Rente mit 67 anstrebt, seilen sich immer mehr Deutsche bald nach ihrem 60. Geburtstag einfach ab. Nur noch 35,6 Prozent warten mit der Rente, bis sie 65 sind. Der Rest ist entweder in Frührente oder bezieht eine vorzeitige Rente mit Abschlägen oder kann einfach nicht bis 65 warten, weil er langzeitarbeitslos ist. Das heißt: Das Rentendurchschnittsalter liegt derzeit bei 63,2 Jahren. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine 234 Positionen umfassende Anfrage der Linken-Fraktion hervor, über die am 9. Juli im Parlament debattiert wurde . Der Bundestag hatte im März 2007 die schrittweise Anhebung des Rentenalters ab dem Jahr 2012 beschlossen. Ab 2029 soll es dann bei 67 Jahren liegen. Es ist also noch genug Zeit, alles zu überdenken. Ich, 62, schließe mich dem grünen Arbeitsmarktexperten Wolfgang Strengmann-Kuhn, an. Er plädiert dafür, dass ein selbstbestimmter Übergang in den Ruhestand für alle Menschen möglich sein müsse. „Wir müssen weg vom starren Rentenalter“, sagte er. „Flexibilisierung des Renteneintritts ist eine wichtige Voraussetzung für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit.“ Zudem trete seine Fraktion für eine garantierte Mindestrente ein, die den Grundbedarf decke.

Ostfriesenwitz

Otto Waalkes reift noch. Nicht nur, dass sich der Komiker, der seit zehn Jahren mit der 37 alten Schauspielerin und Regisseurin Eva Hassmann verheiratet ist, im Gespräch mit der SuperIllu zu einer „offenen Ehe“ bekannte. Zu seinem 62. Geburtstag am 22. Juli spöttelte er auch zu der Frage, weshalb das Paar denn keine Kinder habe: „Wir Ostfriesen neigen nicht zu übereilten Kurzschlüssen. Wenn wir gereift sind, Eva und ich, beruflich, sittlich und menschlich, dann werden wir auch viele Kinder in die Welt setzen.“ Ich glaube, ich schicke ihm mal mein Buch über die Alten Väter. Man weiß ja nie.

Endlich Rabatt!

Komisches Gefühl. Mit dem Töchterchen, 2, war ich während meines Urlaubs im Hansapark. Blumenbähnchen, Indian River, Pony Post, die Seelöwen-Show. Zum ersten Mal in meinem Leben erhielt ich auf meine Eintrittskarte einen Preisnachlass. Für Senioren. Ich fühlte mich bedürftig und schlecht und auch, als hätte ich mir unrechtmäßig einen Vorteil erschlichen. Das nächste Mal werde ich, zum Ausgleich, den „Fluch von Novgorod“ ausprobieren: Die grausige  „Dunkelachterbahn“ mit „einer Beschleunigung in 1,4 Sec. auf 100 km/h“. Ohne das Töchterchen natürlich.

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Eine Antwort zu Age Watch: Die Medienschau

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